Entschleunigung

Entschleunigung

Zugegeben, das Thema ist nicht neu. Nein, eigentlich sogar uralt – jedenfalls wenn man das in IT-Maßstäben setzt. Zumindest in der Fotografie ist das in den letzten mindestens zehn Jahren immer wieder aufgetaucht – und das ist eine lange Zeit. Wenn wir in der Fotografie von Entschleunigung sprechen, dann wird auch gerne von so „radikalen“ Maßnahmen gesprochen, die digitale Kamera gegen eine analoge zu tauschen. Damit man Ergebnisse nicht gleich sieht, geduldig auf den entwickelten Film wartet. Am besten mit einer Kamera arbeitet, die sich keinerlei Technik mit den heutigen Fotoapparaten teilt.

Ganz so weit muss man nicht gehen, denn auch moderne Kameras bieten Möglichkeiten, bei der Fotografie mal etwas langsamer zu machen. Langsamer? Ja, langsamer. Sich auch mal wieder dem Akt des Fotografieren widmen. Gefühlt bringen die Kamerahersteller alle paar Wochen neue Modelle auf den Markt. Schnellerer Autofokus, schnellere Bildfolgen, schnelleres ach was weiß ich. Ja, ich verstehe das in gewissem Umfang. Als Berufsfotograf muss ich Equipment haben, das schnell ist. Die Kunden erwarten je nach Auftrag die Bilder immer schneller auf dem Tisch zu haben. Und natürlich gibt es Situationen, da muss die Kamera in der Lage sein, im Bruchteil einer Sekunde auf das Motiv scharf zu stellen, das Bild zu machen und während das Bild noch verarbeitet wird schon die nächste Datei zu produzieren. Denn eine zweite Chance das Bild zu machen gibt es nicht. Das gilt natürlich auch für manchen Amateur, der seinem Hobby nachgeht und wo es einfach nur auf Tempo ankommt, sonst ist das Bild verloren.

Aber das ist nicht immer so. Es gibt Motive, die halten oft lange genug still, damit man sich mit ihnen beschäftigen kann. Das ist dann die Gelegenheit, sich zurückzulehnen, sich sogar zurückzunehmen und das Fotografieren selbst intensiver zu geniessen. Auch unsere modernen Highspeedboliden geben uns dazu Gelegenheit. Wie? Einfach mal wieder zumindest teilmanuell zu arbeiten.

Getriggert wurde ich die Tage durch die Vorstellung der Leica M11. Wobei es hier nicht speziell auf die M11 ankommt, sondern darum, dass es sich um eine M handelt. Das Besondere: die M-Reihe ist eine Messsucherkamera, bei der manuell fokussiert wird. Immer. Es gibt einfach keinen Autofokus. Manche lieben es, manche hassen es – und kaufen sich alleine deswegen keine solche Kamera.

Mich hat es aber daran erinnert, das unter anderem meine Fuji X100V mit der ich mein #Be_Weekly-Projekt bestreite, zu den Kameras gehört, bei denen man auf Wunsch alle Automatiken abschalten kann. Das sollte an sich bei allen digitalen Kameras funktionieren die so ab 400-500 Euro aufwärts zu haben sind. Im Preissegment darunter gibt es Kameras, die können nicht manuell genutzt werden.

In Zeiten vor dem Autofokus gab es für die Kameras verschiedene Hilfen um das Motiv scharf zu stellen. Für die Spiegelreflexkameras gab es beispielsweise Mattscheiben mit Schnittbildindikatoren oder Mikroprismenringen. Anhand der Darstellung im Sucher konnte man dann die korrekte Entfernung zum Motiv einstellen.

Moderne Digitalkameras bieten auch Einstellhilfen zum manuellen Scharfstellen. Sei es, weil man ein altes Objektiv ohne Autofokus an der eigenen Kamera nutzen möchte, oder weil man einfach mal wieder wie damals arbeiten will. Die Art der Hilfen ist dabei sehr unterschiedlich. Was viele Kameras beherrschen sind zum einen eine Lupenfunktion, mit der der Motiv vergrößert im Sucher oder auf dem Display der Kamera dargestellt werden kann. Zum anderen kommt auch oft das Fokus-Peaking zum Einsatz, bei dem der Bereich der scharf ist, mit Farbrändern hervorgehoben wird. Meine Fuji, und vermutlich betrifft das auch die anderen X-Kameras, bieten darüber hinaus noch zwei Darstellungen, die zum einen an den Schnittbildindikator erinnern, zum anderen tatsächlich einen Mikroprismenring simulieren. Und, wenn man das denn will, kann man diese Hilfen auch komplett weglassen und sich rein auf das Sucher- bzw. Displaybild verlassen. Es ist also quasi wie ein Buffett aus dem man sich seine bevorzugte Einstellhilfe aussuchen kann.

So, jetzt ist das bis hierher leider doch recht technisch geworden. Oben erwähnte ich den Akt der Fotografie. Früher bedeutete das, die Blende einzustellen, die Belichtungszeit zu ermitteln (oder auch umgekehrt) und auf das Motiv zu fokussieren. Jedenfalls der Part der den technischen Teil der Kamera betrifft. Heute arbeite ich z.B. so, dass ich die Blende vorgebe, die Kamera Zeit und ISO berechnen lasse und verlasse mich dann auf den Autofokus, damit der Teil im Bild scharf wird, den ich auch gerne scharf hätte. Es ginge theoretisch ja noch „fauler“: In der Programmautomatik legt die Kamera dann auch noch die Blende fest. Gut, ob dann am Ende in Sachen Tiefenschärfe das herauskommt was mir vorschwebt sei dahingestellt. Aber es ginge zumindest.

Diese Woche habe ich inspiriert durch die neue M von Leica, zumindest mal wieder etwas auf die Bremse getreten und manuell fokussiert. Mittels der Einstellhilfen funktioniert das sogar überraschend gut, ich hatte mit deutlich mehr Ausschuss gerechnet. Vielleicht waren aber da auch die Motive ein dankbares Testobjekt, das kann nicht ausgeschlossen werden und der Ersteller dieser Zeilen hatte einfach nur Glück. Ist aber egal, ich hatte meinen Spaß dabei und ich denke, ich werde das künftig öfters so machen. Denn auch darum geht es, gerade bei freien Projekten: Spaß an der Fotografie, Spaß zu fotografieren und gerade in der heutigen hektischen Zeit sich selbst mal etwas einzubremsen und sich bewusst die Zeit zu nehmen, ein Bild zu machen. Probiert es doch auch mal aus.

Die Bilder in diesem Artikel sind übrigens alle manuell fokussiert. Aktuell bevorzuge ich das Fokus-Peaking als Hilfe, werde aber auch mal mit den anderen Hilfen experimentieren. Und ja, man kann auch ein Landschaftsbild mit Blende 8 versauen. 😉 Auch die Bilder aus dieser #Be_Weekly-Woche sind manuell fokussiert, aber dem Beitrag will ich hier nicht vorgreifen, der kommt noch.

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