Manuell bitte schön

Manuell bitte schön

Wie erkläre ich es meinen Lesern? Diese Frage stellt sich mir gerade bezüglich der Art zu fotografieren, die mir zumindest bei meinen freien Arbeiten gerade sehr viel Spaß macht. Es ist zugegebener Weise etwas Retro was ich mache und es fordert meine Kamera nicht gerade heraus – und in einigen Belangen würde sie sicher das eine oder andere besser machen – aber ich fotografiere gerade äußerst manuell.

Und zwar bezieht sich das nicht nur auf die Belichtung. Nein, auch der Autofokus darf Pause machen. Auch vor dem Bewusstsein, dass dieser in meiner Kamera schneller und präziser arbeitet. Die Kamera die dafür „herhalten“ muss ist meine Sony NEX-6. Ich mag diese Kamera einfach 🙂 Und um das Ganze noch mehr Retro zu machen, habe ich sie gleich mal auf schwarz-weiß eingestellt. Ganz unretro allerdings das Bildformat auf 16:9 festgelegt.

Ich gebe zu, bei meinen Nikons käme ich nicht auf die Idee das zu tun, aber die Sony lädt geradezu zu solchen Experimenten ein. Denn sie hat den Vorteil eines elektronischen Suchers, der ganz nebenbei einfach genial ist. Sage ich, der in der Vergangenheit nichts anderes als einen optischen Sucher haben wollte. Dadurch, dass ich im Sucher aber schon das finale Bild sehe, fällt mir das Ausprobieren viel leichter und macht mir auch mehr Spaß. Denn ich sehe das fertige Bild schon vor dem Auslösen. Natürlich könnte ich in Sachen Belichtung auch mit einer der Automatiken arbeiten und dann eine entsprechende Belichtungskorrektur vornehmen. Möchte ich aber sicherstellen, gerade wenn ich in der Landschaftsfotografie unterwegs bin, dass die Bilder sich gleichen, dann komme ich um eine manuelle Belichtung nicht herum. Denn eine Automatik berechnet von Bild zu Bild die Belichtung neu, ausser ich verbiete ihr das. Das geht bei vielen Kameras.

Um Strom zu sparen schalte ich die Kamera aber auch gern mal zwischendurch aus. Und spätestens dann sind die gespeicherten Belichtungseinstellungen weg – wenn ich sie nicht schon vorher durch Unachtsamkeit aus dem Speicher gelöscht habe. Stelle ich Belichtungszeit und Blende aber von Hand ein, so sind diese Werte auch nach einem Aus- und Wiedereinschalten der Kamera wieder vorhanden. Und selbst wenn nicht, sie lassen sich viel einfacher wieder einstellen als mit einer Automatik. Zudem, wenn ich die Belichtung extrem korrigieren möchte, dann bin ich mit der normalen Korrektur nach drei Blendenstufen am Ende. Klar, die Bilder liegen letztlich im RAW-Format vor und da kann man in der Nachbearbeitung noch ziemliche Schweinereien machen, aber ich habe gern ein Bild bereits bei der Aufnahme so dicht wie möglich an der finalen Version.

Und warum tue ich mir das Ganze noch mit einem manuellen Fokus an? Zum einen, weil ich es mit den Objektiven die ich besitze schlicht kann :-). Das bedeutet, die Fokusringe lassen sich so fein einstellen wie damals zu Zeiten der manuellen Objektive. Das ist heute keine Selbstverständlichkeit. Beispielsweise besitze ich für meine Nikons ein 70-200 von Tamron. Auch hier kann man manuell fokussieren – jedenfalls theoretisch. Von einem Fokusende zum nächsten dreht man aber gerade mal eine Viertelumdrehung. Gerade Offenblendig kann da der Schuss schnell nach hinten los gehen, das ist einfach zu ungenau, da würde mir das schlicht keinen Spaß machen weil ich von vornherein weiss, dass die Ergebnisse nicht meinen Erwartungen entsprechen.

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Fokuspeaking bei der Sony NEX-6

Zum anderen ist es so, dass es übt. Denn wenn mal mittels Adapter ein altes Nikon 20mm an die NEX soll oder das Shift-Objektiv, dann ist manuelles fokussieren angesagt. Und hier hat Sony die NEX-6 mit etwas ausgestattet, das ist einfach genial: Fokus-Peaking. Im Sucher werden die Kanten auf der aktuellen Schärfeebene farbig markiert. Und wenn man von einem Ende bis zum anderen dreht kann man wunderbar sehen, wie die Markierung entsprechend mitwandert. Und je nach eingestellter Blende kann ich auch sehen, wie es um die Tiefenschärfe bestellt ist, wie weit sie reicht. Und wem das nicht reicht, der kann zusätzlich noch auf eine Bildschirmlupe zurückgreifen – die natürlich auch das Fokuspeaking anzeigt. Gerade offenblendig ist das eine feine Sache, man kann sehr präzise arbeiten, egal welches Objektiv man gerade an der Kamera benutzt.

Manuell arbeiten zu können bedeutet aber auch ein Stück Freiheit. Nämlich dann, wenn die Automatiken einer Kamera anfangen gegen den Fotografen zu arbeiten oder auf Grund der Lichtsituation schlicht versagen. Die Kameras die heute am Markt sind verfügen über sehr leistungsstarke Helferlein die uns Fotofuzzis bei unserer Arbeit sehr unterstützen, keine Frage. Es gibt aber Momente, da funktionieren sie einfach nicht mehr richtig, interpretieren das Motiv falsch und versuchen Licht in ein Motiv zu bringen wo keines hin gehört. Es ist dann gut zu wissen, wie man sich helfen kann und sich aus dem Klammergriff der Automatik befreien kann.

Und schliesslich: ich empfinde mich dichter am Motiv dran wenn ich komplett manuell arbeite. Ich setze mich mehr mit meinem Motiv auseinander, weil ich mich zwinge mehr Zeit zu investieren, genauer zu beobachten. Klar, wenn es schnell gehen muss, dann ist das nichts. Zumindest nicht für mich. Aber wenn ich mir die Zeit nehmen kann – dann gerne auch ohne Automatik. 🙂

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